Eine Diagnose ist kein Stempel. Sie beschreibt nicht den Menschen – sondern das, was belastet.Sie gibt Worten für das, was oft namenlos weh tut.

Erleben versus Einordnen

Zwei Wege, um seelisches Leiden zu verstehen

Für viele Patient:innen steht am Anfang nicht die Diagnose, sondern das Erleben:Verfahren wie der Rohrschachtest nutzen Bilder und Assoziationen, um einen Zugang zum inneren Erleben zu eröffnen. Das kann helfen, Gefühle sichtbar zu machen, die schwer in Worte zu fassen sind. Das ist auch wichtig, spricht aber den Erlebensaspekt an.

Im Gegensatz dazu arbeitet die moderne Diagnostik mit klaren Kriterien, wie sie in Leitlinien der AWMF oder Klassifikationen wie der ICD-10 beschrieben sind.

Diese Diagnosen helfen, Symptome zu benennen, zu strukturieren und behandelbar zu machen.

 Depression – Zwischen Gefühl und Diagnose 

Das Gedicht „Im Nebel“ von Hermann Hesse beschreibt das innere Erleben einer Depression – das Gefühl von Einsamkeit und Abgeschnittensein.

Die Diagnose nach ICD-10 benennt die Kriterien wie gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebsmangel über mindestens zwei Wochen.

Beides ist wichtig.

„Im Nebel“ (Hermann Hesse)

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Depressive Episode nach ICD-10 (F32)

Eine depressive Episode wird diagnostiziert, wenn die Symptome mindestens zwei Wochen bestehen (Ausnahme: sehr schwere Ausprägung mit raschem Beginn möglich) und zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Alltag führen.

Hauptsymptome (Kernsymptome)

Mindestens zwei der folgenden drei Symptome müssen vorliegen:

  • Anhaltend gedrückte, depressive Stimmung (überwiegend des Tages, fast täglich)
  • Deutlicher Interessenverlust oder Verlust der Freude an normalerweise angenehmen Aktivitäten
  • Verminderter Antrieb oder erhöhte Ermüdbarkeit

Zusatzsymptome

  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Suizidgedanken, -handlungen oder Selbstverletzung
  • Schlafstörungen
  • Verminderter oder gesteigerter Appetit
  • Psychomotorische Agitiertheit oder Verlangsamung